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Die Synagoge

Heute Geschichts- und Begegnungsstätte

In der Zeitspanne vom 18. bis hin ins 20. Jahrhundert entwickelte sich Rülzheim zu der größten und bedeutendsten jüdischen Landgemeinde in der Südpfalz. Dort lebten zu den besten Zeiten 457 Juden, ein Sechstel der Gesamtbevölkerung.

Bereits vor dem 18.Jahrhundert und somit vor dem Bau der bekannten Synagoge ist anzunehmen, dass sich auf derselben Stelle eine kleine Synagoge befand. Nach Plänen des bayrischen Architekten August von Voit wurde die neue Synagoge 1832/33 im spätklassizistischen Stil errichtet. Dieser Neubau fällt in die Blütezeit des jüdisch-kulturellen Lebens in Rülzheim. Bauträger war die israelitische Kultsgemeinde, die Vereinigung aller jüdischen Menschen im Ort. Die stattliche Bausumme von 5.200 (rheinischen) Gulden musste zum Großteil von den Juden selbst aufgebracht werden. Die Satzung der Kultsgemeinde sah vor, dass deren Mitglieder sich je nach der Höhe des „steuerbaren“ Einkommens finanziell beteiligten.

Wie alle Synagogen ist der flach gedeckte, im spätklassizistischen Stil errichtete Saalbau nach Osten ausgerichtet. Das Gebäude lässt sich in mehrere Glieder, bestehend aus einer Anordnung von doppeltgeschossigen Fenstern an den Längsseiten, einen Sockel und Ecklisenen einteilen. Die Westseite (Front) der Synagoge wird durch die Treppenhäuser, die zu dreiseitigen Frauenemporen führten, repräsentiert. Die Ostfassade dagegen wird durch zwei Rundbogenfenster und einem architravierten Fenster oberhalb der Torschiene betont. Dies zählte zu den bedeutendsten Architekturmerkmalen der Zeit.

In der Synagoge fanden 125 Männer und 75 Frauen auf den Bankreihen im Betsaal Platz. Links und rechts vom Vorlesepult befanden sich die Männer, die Frauen saßen auf der noch heute erhaltenen Empore. Für die Bildhauerei und Malerarbeiten in der Synagoge war die Künstlerfamilie Clausonet verantwortlich. Am Anfang der Synagoge befindet sich ein Architrav am Portal, mit der Überschrift: „Tut auf die Tore, daß hineingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt.“, Jesaja 26,2. Der Innenraum besaß als besondere Kostbarkeit an der Ostwand stehend einen vom Baumeister selbst entworfenen Toraschrein (Aron-a-kodesch), davor stand der siebenarmige Leuchter, rechts davon ragte mittels einer Kette das ewige Licht (Ner Tamid) in den Chorraum. Vom Toraschrein aus betraten Vorbeter, Kantor oder Rabbiner das Vorlesepult, das im Raum stand. Etwa in der Mitte des Raumes war das Podest für den Synagogenchor aufgebaut. Zehn Säulen aus massivem Eichenholz umsäumen auch heute noch den Innenraum. Der Mittelgang war mit rotem Sisalteppich ausgelegt. Eine Orgel gab es nicht.

Weitere, mit der Religionsausübung der Juden verbundene Kultuseinrichtungen waren die Mikwe (rituelles Tauchbad) nördlich der Synagoge sowie die israelitische Elementarschule mit zwei Räumen in einem Haus unmittelbar vor der Synagoge, in dem gleichzeitig der israelitische Lehrer seine Wohnung hatte.

Die Synagoge selbst wurde jedoch nicht nur zum Beten genutzt, so wurde u.a. zu Ehren Heinrich Schönebergers 80. Geburtstag ein Festgottesdienst veranstaltet. Auch der zionistische Ortsgruppenverband hielt hier einen Vortrag, über das damals bestehende Palästina.

Die vermutlich letzte Bar Mitzwa (vergleichbar mit der Firmung in der röm. kath. Kirche) fand im Jahre 1937 statt. Bis hin zu den Novemberpogromen 1938 wurde die Synagoge immer wieder restauriert und verändert. Dabei wurden Teile von August von Voit charakteristischen Innenausstattung entfernt, dazu gehörte z.B. der bedeutende Toraschrein. Während der Novemberpogrome wurden jüdische erwachsene Männer verhaftet, drangsaliert und verfolgt. Privathäuser und der Friedhof wurden zerstört. Auch die Synagoge wurde nicht verschont: Am Vormittag wurde die gesamte Inneneinrichtung, die Fenster sowie das Dach zerstört. Die Gebetsbücher und Torarollen wurden von den Synagogenschändern entwendet und im Freien verbrannt, nur ein kleines Torarollen-Fragment konnte sichergestellt werden. Dieses wird nun in Geschichts- und Begegnungsstätten ausgestellt. Durch den Einsatz des damaligen Bürgermeisters und Feuerwehrkommandanten, Jakob Geeck, wurden weitere Schäden im Innen- und Außenbereich der Synagoge verhindert.

Nach dem 2. Weltkrieg, im Jahre 1945, diente sie als Lager, bis sie schließlich 1953 von der katholischen Kirchenstiftung aufgekauft wurde. Aus der Synagoge wurde nach dem Kauf ein Jugendheim. Pfarrer Albert Wetzel setzte sich persönlich 1965 gegen die Zweckentfremdung der Synagoge ein.

1986 wurde das Gebäude von der Kreisverwaltung Germersheim unter Denkmalschutz gestellt. Zwei Jahre später wurde dies von der Gemeinde erworben.

Im selben Jahr, am 14.Oktober, fand hier ein Freitagabendgottesdienst statt. Tausende Juden reisten aus der ganzen Welt an, um den 1.Gottesdienst nach der Schändung der Synagoge vor 50 Jahren mit zu erleben. Für viele eingeladene Juden war dies ein bewegender Moment.

Die darauffolgenden Sanierungsarbeiten führten dazu, dass das Gebäude am 13. Juni 1991 als Geschichts- und Begegnungsstätte für jeden zugänglich eröffnet wurde. Zusätzlich wurde eine Gedenktafel angebracht, die an die verstorbenen Juden aus dem zweiten. Weltkrieg erinnern soll. Diese Tafel wurde von den überlebenden Rülzheimer Juden finanziert. Nachdem 2013 das Gelände um die ehemalige Synagoge saniert wurde, eröffnete am 11. Mai 2014 das Zentrum für Kunst und Kultur. Von nun an dient sie als kultureller Veranstaltungsraum für Ausstellungen, Kunstkurse und Konzerte. Die ehemalige Synagoge ist heute ein steinernes Zeugnis für die pfälzisch-jüdische Kultur und Geschichte.

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